DeutschEnglish
Kommunikationswissenschaft mit dem Schwerpunkt Ökonomie und Organisation der Medien Institut für Kommunikationswissenschaft Jena
Friedrich-Schiller-Universitaet Jena
Grundlagenprojekte

Themenschwerpunkte im Bereich der Grundlagenforschung

Im Zeitraum seit 2010 wurden grundfinanzierte Forschungsarbeiten und Promotionsprojekte insbesondere zu folgenden Themenschwerpunkten durchgeführt:

  • Langfristiger Wandel von Medienstrukturen und Medienangebot - Determinanten und Interdependezen
  • Mediennutzung als Zeitallokation
  • Effizienz von Medienregulierungsmaßnahmen
  • Kulturelle Identität und Globalisierung der Medienmärkte

 

 

Langfristiger Wandel von Medienstrukturen und Medienangebot - Determinanten und Interdependenzen

Ziel dieses Grundlagenprojektes ist die Entwicklung eines theoretischen Modells und eines daraus abgeleiteten Indikatorensystems, das eine quantitative empirische Analyse langfristiger Veränderungsprozesse des Mediensystems sowohl auf der Makro- bzw. Strukturebene (Akteurs-Konstellationen auf Medienmärkten, Zielsysteme und Organisationsstrukturen von Medienorganisationen, rechtliche, technische und ökonomische Rahmenbedingungen) als auch auf der Mikro- bzw. Akteursebene (Determinanten von Selektionsentscheidungen der Medienanbieter, Werbetreibenden und Rezipienten über  Medienangebot, Nachfrage nach Werbeleistungen der Medien und Mediennutzung; politische Entscheidungen über medienrelevante Regulierungsmaßnahmen) untersucht. Ausgehend von der Überlegung, dass bestimmte Strukturdimensionen auch als Handlungsrestriktionen für kommunikative Akteure betrachtet werden können und dass kollektive Akteursinteressen medienpolitische Entscheidungen beeinflussen, lassen sich damit zugleich die Wechselbeziehungen zwischen der Makro-(bzw. Meso-)ebene und der Mikroebene öffentlicher Kommunikationsprozesse analysieren.


Veränderungen im Medienangebot während der letzten Jahrzehnte werden unter anderem mit Begriffen wie Boulevardisierung, Entertainisierung oder Visualisierung charakterisiert. Sie werden häufig auf langfristige Veränderungsprozesse auf der Medienstrukturebene zurückgeführt, die mit Begriffen wie Globalisierung, Ökonomisierung oder Konvergenz beschrieben werden. Als wesentlichen Ursachen hierfür werden unter anderem medienpolitische Entwicklungen (Deregulierung), technische Entwicklungen (neuartige Medienprodukte, neue Formen der Medienproduktion) oder der sozio-kulturelle Wandel (Freizeitgesellschaft, Wertepluralismus und Publikumsfragmentierung) diskutiert.

 

Auf der Basis von Zeitreihenanalysen und anderer für Längsschnittanalysen geeigneter empirischer Methoden werden Stärke und Richtung dieser Einflussfaktoren und ihre zeitliche Dynamik untersucht. Grundlage bildet ein Indikatorensystem, das die Veränderungsprozesse auf Struktur- und Angebotsebene in den letzten Jahrzenten systematisch erfasst.


Im Oktober 2012 fand in Jena der 3. Workshop des interdisziplinären „Netzwerks Medienstrukturen“  zum Thema „Langfristiger Wandel von Medienstrukturen. Theorie, Methoden, Befunde“ statt.


Publikationen:

  • Seufert, Wolfgang (2013): Die deutsche Medienwirtschaft - Wachstumsbranche oder Krisenbranche? Produktion von und Nachfrage nach Medienprodukten seit 1991. In: MedienWirtschaft, 10(4), 10-26.
  • Seufert, Wolfgang & Sattelberger, Felix (Hrsg.) (2013): Langfristiger Wandel von Medienstrukturen. Theorie, Methoden, Befunde. Baden-Baden: Nomos.
  • Seufert, Wolfgang (2013): Analyse des langfristigen Wandels von Medienstrukturen. Theoretische und methodische Herausforderungen. In: Seufert, Wolfgang & Sattelberger, Felix (Hrsg.), Langfristiger Wandel von Medienstrukturen Theorie, Methoden, Befunde. Baden-Baden: Nomos, 7-29.
  • Seufert, Wolfgang (2013): Analyse des Einflusses von Veränderungen der Marktnachfrage, der Anbieterkonzentration und des Kostenniveaus auf das TV-Angebot in Deutschland. In: Seufert, Wolfgang & Sattelberger, Felix (Hrsg.), Langfristiger Wandel von Medienstrukturen Theorie, Methoden, Befunde. Baden-Baden: Nomos, 115-148.
  • Seufert, Wolfgang (2012): Auswirkungen des Medienwandels auf die Struktur des marktfinanzierten Medienangebotes. In: Jarren Otfried, Künzel, Matthias & Puppis, Manuel (Hrsg.), Medienwandel oder Medienkrise? Folgen für Medienstrukturen und ihre Entwicklung. Baden-Baden: Nomos, 145-164.

 

Mediennutzung als Zeitallokation

Ziel des Grundlagenprojektes war die Weiterentwicklung eines theoretischen Modells der Medienselektion, das die wichtigsten kurz- und langfristigen Einflussfaktoren auf die inter- und intramediäre Auswahl von Medienangeboten erfasst, sowie dessen empirisch-statistische Überprüfung im Rahmen eines Strukturgleichungsansatzes.


Theoretische Grundlage bildet die Übertragung der mikroökonomischen Konsumtheorie auf Entscheidungen über die Aufteilung eines begrenzten Zeitbudgets auf alternative Aktivitäten (Zeitallokation): Danach werden die individuellen Zeitverwendungsentscheidungen (endogene Variable „Medienselektion“) zum einen von langfristig relativ stabilen Vorlieben für einzelne Mediengattungen und -genres (exogene Variable „Medienpräferenz“) und zum anderen von kurzfristig veränderlichen Zeitrestriktionen (exogene Variable „Zeitverfügbarkeit“) beeinflusst.


Von Mitte 2008 bis Mitte 2010 wurde ein entsprechendes Projekt im Rahmen der Einzelförderung durch die DFG durchgeführt. Spezifikation und Schätzung des Modells erfolgte mithilfe der Datensätze der Media Analyse (MA) bzw. der ARD/ZDF-Langzeitstudie Massenkommunikation (LM) für die Jahre 1995, 2000 und 2005 insbesondere mit den darin enthaltenen Zeitbudgetdaten. Nach dem Ende der Förderung wurde der Datensatz um das Jahr 2010 erweitert.


Die Parameterschätzungen des Strukturgleichungsmodells ermöglichen auch quantitative Aussagen zum Grad der Substitutions- bzw. Komplementärbeziehungen zwischen unterschiedlichen Mediengattungen bzw. -genres.


Publikationen:

  • Wilhelm, Claudia & Seufert, Wolfgang (2014): Substitutionseffekte zwischen Mediengattungen und nichtmedialen Aktivitäten in sozialen Gruppen. In: Kleinen-von Königslöw, Katharina & Förster, Kati (Hrsg.), Medienkonvergenz und Medienkomplementarität aus Rezeptions- und Wirkungsperspektive. Baden-Baden: Nomos, 109-127.
  • Seufert, Wolfgang & Wilhelm, Claudia (2014): Mediennutzung als Zeitallokation. Zum Einfluss der verfügbaren Zeit auf die Medienauswahl. Baden-Baden: Nomos.
  • Seufert, Wolfgang & Wilhelm, Claudia (2013): Wie stark verdrängen oder ergänzen sich (neue und alte) Medien? In: Medien & Kommunikationswissenschaft, 61(4), 568-593.
  • Wilhelm, Claudia & Seufert, Wolfgang (2011): Mediennutzung und Zeitverfügbarkeit. In: Suckfüll, Monika, Schramm, Holger & Wünsch, Carsten (Hrsg.): Rezeption und Wirkung in zeitlicher Perspektive. Baden-Baden: Nomos, 111-128.
  • Seufert, Wolfgang & Wilhelm, Claudia (2008): Mediennutzung als Zeitallokation: Medienpräferenztypologien auf Basis der Zeitbudgetdaten der MA 05. In: Hagenah, Jörg & Meulemann, Heiner (Hrsg.), Alte und neue Medien - Zum Wandel der Medienpublika in Deutschland seit den 1950er Jahren. Berlin: LIT, 39-60.
  • Seufert, Wolfgang & Ehrenberg, Maria (2007): Microeconomic Consumption Theory and Individual Media Use: Empirical Evidence from Germany. In: Journal of Media Business Studies, Vol. 4 (3), 21-39.
  • Seufert, Wolfgang & Suckfüll, Monika (2006): Zeitverfügbarkeit und Zeitbewertung als Erklärungsfaktoren der individuellen Mediennutzung. In: Hagenah, Jörg & Meulemann, Heiner (Hrsg.), Sozialer Wandel und Mediennutzung in der Bundesrepublik Deutschland. Berlin: LIT, 77-98.

 

Effizienz von Medienregulierungsmaßnahmen

Die Ausgestaltung von Medienregulierungsmaßnahmen erfolgt in allen demokratisch verfassten Ländern in einem Spannungsfeld von kommunikationspolitischen (Sicherung einer gesellschaftlich wünschenswerten Vielfalt und Qualität des Medienangebotes) und von wirtschaftspolitischen (Förderung des Wirtschaftswachstums und Ausrichtung des Medienangebotes an den Präferenzen der Rezipienten) Zielen. Dabei kommt es teilweise zu Zielkonflikten, beispielsweise bei der Festlegung von Marktanteilsobergrenzen zur Verhinderung einer zu großen Markt- und/oder Meinungsmacht.


Das System der Medienregulierung in Deutschland ist dabei im internationalen Vergleich besonders komplex, da das Grundgesetz den sechzehn Bundesländern die Regelungskompetenz für das Medienrecht zugewiesen hat, während über die Ausgestaltung des Telekommunikationsrechts und des medienrelevanten Wirtschaftsrechts (z.B. Urheberrecht oder Werberecht) auf Bundesebene entschieden wird oder die EU-Verträge eine Übertragung der Regelungskompetenzen auf die EU-Institutionen vorsehen. Die notwendige Anpassung des deutschen Medienregulierungsrahmens an technische oder gesellschaftliche Entwicklungen erfordert deshalb in der Regel politische Kompromisse auf mehreren Ebenen, die oft zu Lasten ihrer Konsistenz und Effizienz gehen.


Die Forschungsarbeiten zur Effizienz von Medienregulierungsmaßnahmen, d.h. zum Grad der Zielerreichung im Vergleich zu den damit verbundenen direkten und indirekten Regulierungskosten, beschäftigt sich vor allem mit zwei aktuellen medienpolitischen Konfliktfeldern: Der Festlegung des Produktionsumfangs von Medieninhalten, die öffentlich finanziert bzw. subventioniert werden (öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Filmförderung etc.), sowie der Entwicklung von Regeln zur Begrenzung der Meinungsmacht crossmedial tätiger Medienunternehmen.


Publikationen:

  • Seufert, Wolfgang & Gundlach, Hardy (2017): Medienregulierung in Deutschland - Ziele, Konzepte, Maßnahmen. Handbuch für Wissenschaft und Studium. 2., aktualisierte Auflage. Baden-Baden: Nomos.
  • Seufert, Wolfgang (2013): Crossmediale Konzentration und crossmediale Meinungsmacht in Deutschland. In: Dewenter, Ralf, Haucap, Justus & Kehder, Christiane (Hrsg.): Wettbewerb und Regulierung in Medien, Politik und Märkten. Festschrift für Jörn Kruse zum 65. Geburtstag. Baden-Baden: Nomos, 193-223.
  • Seufert, Wolfgang (2013): Lässt sich Medienperformance über Zahlungsbereitschaften messen? In: Puppis, Manuel, Künzler, Matthias & Jarren, Otfried (Hrsg.), Media Structures and Media Performance Medienstrukturen und Medienperformanz. ÖAW, relation, n.s. Vol. 4, 202-232.

 

Kulturelle Identität und Globalisierung der Medienmärkte

Während sich in den letzten Jahrzehnten für nahezu alle Industriegüter und eine Vielzahl von Dienstleistungen globale Märkte entwickelt haben, auf denen internationale Konzerne mit Produktionsstandorten in vielen Ländern agieren, ergibt sich im Hinblick auf die Globalisierung der Medienmärkte ein differenziertes Bild. Zwar gibt es auch hier multinational agierende Medienunternehmen und Medieninhalte, die von einem internationalen Publikum nachgefragt werden (z.B. Wirtschaftsinformationen, wissenschaftliche Fachzeitschriften oder Teile des Musik- und Spielfilmangebotes). Der größte Teil der Medieninhalte (insbesondere wenn ihr Schwerpunkt auf aktuellen Informationen liegt und sie überwiegend aus Texten bestehen) wird aber auch im Zeitalter des Internets, das ja prinzipiell eine kostengünstige weltweite Verbreitung ermöglichen würde, nur in einzelnen Regionen, Staaten oder Sprachräumen rezipiert.


Die in den letzten Jahren durchgeführten Forschungsvorhaben beschäftigen sich vor allem mit zwei Fragen: Zum einen damit, welchen Einfluss der Faktor kulturelle Nähe bzw. kulturelle Distanz auf die Rezeption von Medieninhalten hat, deren Produzenten aus anderen Kulturräumen stammen. Zum anderen mit der Frage, mit welchen Produktions- und Produktstrategien es global agierenden Medienunternehmen gelingt, diese kulturellen Schranken zu überwinden.


Publikationen:

  • Feng, Zhuo (2012): Cultural Difference in Television Programs. Foreign Television Programs in China. Frankfurt/Main: Peter Lang. [Dissertation]
  • Rohn, Ulrike (2009): Cultural Barriers to Foreign Media Content - Western Media in China, India, and Japan. Frankfurt/Main: Peter Lang. [Dissertation]
  • Seufert, Wolfgang (2005): Globalisierung der Medienindustrie und kulturelle Identität. In: Ahrweiler, Petra & Thomaß, Barbara (Hrsg.), Internationale partizipatorische Kommunikationspolitik. Strukturen und Visionen. Festschrift zum 60. Geburtstag von Hans Kleinsteuber. Münster: LIT, 141-156.