Prof. Dr. Andreas Jungherr sieht "Forschung eher als fortwährende Suche".

Den Sozialen Medien gelassen begegnen

Andreas Jungherr ist neuer Professor für Kommunikationswissenschaft mit Schwerpunkt Digitalisierung und Öffentlichkeit der Universität Jena
Prof. Dr. Andreas Jungherr sieht "Forschung eher als fortwährende Suche".
Foto: Universität Konstanz
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Meldung vom: 10. Dezember 2020, 11:43 Uhr | Verfasser/in: Stephan Laudien | Zur Original-Meldung

Was wäre der 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika ohne Twitter? Hätte Donald Trump ohne sein „Zwitschern“ auch nur halb soviel Aufmerksamkeit erzeugt? Der Kommunikationswissenschaftler Prof. Dr. Andreas Jungherr erforscht, wel­chen Einfluss die neuen sozialen Medien auf politische Entscheidungen haben, wie sich Twitter, Facebook & Co. auf den öffentlichen Diskurs auswirken. Der 39-jährige Wissen­schaftler ist jüngst an die Friedrich-Schiller-Universität Jena berufen worden, wo er Kom­mu­nikationswissenschaft mit Schwerpunkt Digitalisierung und Öffentlichkeit lehrt.

Etwas mehr Gelassenheit im Umgang mit den sozialen Medien täte uns gut“, sagt An­dreas Jungherr. Es sei eben nicht der Fall, dass soziale Medien die Gräben in einer Gesell­schaft hervorrufen, sie machten sie nur deutlicher sichtbar. Die USA seien dafür ein gutes Beispiel: „Die republikanische Partei rückt schon seit Jahren politisch nach rechts und sie nimmt ihre Anhänger mit in diese Richtung“, sagt Andreas Jungherr. Die zunehmend extre­mer werdenden Positionen würden durch die neuen Medien besonders gut abgebildet. Das passiere im Zusammenspiel mit den etablierten Medien, die eben gerade die schrillen Positionen aufgreifen und weiterverbreiten. In Deutschland beherrsche dieses Spiel mit „Er­regungswellen“ die AfD besonders gut. Im internationalen Vergleich zeige sich, dass gerade oppositionelle Gruppen von den neuen Medien profitieren, allein schon deshalb, weil ihnen der Zugang zu den etablierten Medien oft verwehrt bleibt. 

Forschung als Suche

Vergessen werden dürfe zudem nicht, dass Medien kommerzielle Unternehmen sind: „Die sozialen Medien dienen handfesten ökonomischen Interessen“, betont Prof. Jungherr. Um so wertvoller sei die Berichterstattung durch den öffentlich-rechtlichen Rundfunk einzu­schätzen, trotz aller Diskussionen über das Vorabendprogramm. Über das Spannungsfeld zwischen Politik und sozialen Medien hat Andreas Jungherr gemeinsam mit Gonzalo Ri­vero und Daniel Gayo-Avello ein Buch geschrieben: „Retooling Politics: How Digital Media are Shaping Democracy“, das 2020 bei Cambridge University Press erschienen ist.

Zwei andere Bücher waren es, die für das Wissenschaftsverständnis von Andreas Jungherr prägend waren: „Pattern Recognition“ von William Gibson und Neal Stephensons „Baroque Cycle“. Beide Romane hätten seine Freude am wissenschaftlichen Arbeiten befördert, sagt er. All zu oft werde der Eindruck geweckt, Wissenschaftler seien die Gralshüter von Wahrheit. „Ich sehe die Forschung eher als fortwährende Suche. Das bedeutet auch, dass man Fehler macht. Wichtig ist nur, dass man Ergebnisse und Verfahren offen der Kritik stellt“, so Jung­herr. Schon deshalb, weil die vermeintlichen Wahrheiten von heute den Überprüfungen von morgen oft nicht standhielten.

Deutschland absolviert einen Crashkurs in Medienkunde

In Jena möchte Andreas Jungherr den Strukturwandel untersuchen, der mit dem Aufkommen der neuen Medien einhergeht. Lange sei dieser Wandel in Deutschland ignoriert worden, nun gebe es einen Crashkurs darin, was alles möglich ist. Eine der offenen Fragen sei, ob und wie die neuen Medien stärker reguliert werden sollten oder ob sich ein neuer, offenerer Umgang mit sozialen und politischen Konflikten etablieren wird.

Andreas Jungherr wuchs in der Nähe von Frankfurt/M. auf und studierte in Mainz Neuere Ge­schichte, Politikwissenschaften und Amerikanistik. Sein Interesse an Kommunikationswis­sen­schaft wurde bereits im Studium geweckt, als der Microblogging-Dienst Twitter noch neu war. Seine Promotion entstand in Bamberg und hatte bereits Twitter zum Thema: „The Use of Twitter in the Analysis of Political Phenomena: A Framework Based on Twitter Messages on the German Federal Election 2009“. Vor seiner Berufung nach Jena lehrte Andreas Jungherr als Juniorprofessor an der Universität Konstanz.

Kontakt:

Andreas Jungherr, Univ.-Prof. Dr.
Prof. Dr. Andreas Jungherr
Ernst-Abbe-Platz 8
07743 Jena
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